
Der Prototyp dieses zweisitzigen Aufklärers entstand im August 1913, als man eine Maschine des Typs G mit einer Tragfläche in Baldachinbauweise zum so genannten Schirm- oder Parasoleindecker umrüstete. Dieses Flugzeug trug die interne Bezeichnung MoS.19 und aus ihr ging schließlich die MoS.3 bzw. der Typ L hervor, auch bekannt als Morane-Saulnier "Parasol".
In Frankreich hatte man anfangs nur geringes Interesse an der Maschine, und deshalb konnte die türkische Regierung zunächst ohne größere Probleme 50 Flugzeug in Auftrag geben. Diese konnten allerdings nie an den Auftraggeber ausgeliefert werden, da sie bei Kriegsausbruch im August 1914 von den französischen Streitkräften requiriert wurden. Insgesamt mehr als 600 Maschinen des Typs verließen bis ungefähr Mitte 1915 die Werkshallen. Neben der französischen und britischen Armee kam der Typ L besonders bei den zaristischen Streitkräften in Russland zum Einsatz. Dort wurden zudem 430 Exemplare in Lizenz gebaut. Und auch die deutschen Pfalz Flugzeugwerke erwarben 1913 eine Nachbaulizenz, ebenso wie später die schwedische E. Thulins Aeroplansfabrik. Daneben stand der Typ L noch in Belgien, Polen und Rumänien in nennerwertem Umfang im Einsatz. Der technisch verbesserte Typ LA kam ab Ende 1915 beim britischen Royal Flying Corps zum Einsatz, blieb aber letztlich nur eine Übergangslösung bis zu Einführung modernerer Muster.
Die Morane-Saulnier Typ L und LA besaßen einen kantigen Rumpf mit einem recht klein dimensionierten Höhen- und Seitenleitwerk, letzteres war zum Teil auch starr. Als wesentliche Verbesserung gegenüber ihrem Vorgängermuster Typ G waren die separaten Plätze für Pilot und Beobachter. Der Typ L war einer der ersten Versuche, mit Hilfe der Parasolbauweise die Geschwindigkeit des Eindeckers mit der Festigkeit des Doppeldeckers zu vereinen. Dass dadurch natürlich auch das Sichtfeld der Besatzung deutlich verbessert werden konnte war ein willkommener Zusatzeffekt. Die Aufklärung und Artilleriebeobachtung war zu Kriegsbeginn die einzige Aufgabe der Fliegertruppen, und sie blieb deren wichtigste bis zum Waffenstillstand. Anfangs stand nur das Erkunden im Vordergrund, zu kämpfen war zunächst völlig zweitrangig.
Doch waren die gegnerischen Aufklärer allen Kriegsteilnehmern schnell ein Dorn im Auge und man sann auf Gegenmaßnahmen. Es war eine Morane-Saulnier Typ L, die in diesem Zusammenhang Luftfahrtgeschichte schrieb. Der französischen Flieger Roland Garros hatte nämlich auf seiner "L" unmittelbar vor dem Cockpit ein starres Maschinengewehr installiert. Dank einer bestimmten Vorrichtung, mit der Raymond Saulnier geraume Zeit zuvor experimentiert hatte, war es möglich, direkt durch den Luftschraubenkreis zu schießen. Am 1. April 1915 konnte Roland Garros auf diese Weise mit seiner Morane-Saulnier Typ L zum ersten mal in der Luftfahrtgeschichte ein gegnerisches Flugzeug – einen deutschen Aufklärer – „klassisch“ abschießen.
Während der Experimente zu diesem Vorläufer der modernen und effektiven Jagdflugzeugbewaffnung stand Raymond Saulnier damals vor zahlreichen Problemen. Das von ihm verwendete Hotchkiss MG war auf Grund seiner technischen Funktionsweise als Bordwaffe schlicht ungeeignet. Die Reaktionszeit vom Betätigen des Abzuges bis zum Abfeuern der Geschosse war zu lange für eine fehlerfreie Synchronisierung mit der Propellerdrehzahl. Saulnier war sich dessen damals jedoch nicht bewusst und machte schadhafte Munition dafür verantwortlich. Schließlich fand er eine praktikable Lösung des Problems, indem er einfach die Luftschraubenblätter mit aufgesetzten Stahlkanten versah, um damit jene Kugeln abweisen zu lassen, welche sonst die Propellerblätter zerfetzt hätten. Roland Garros konnte mit seiner derart ausgerüsteten Morane-Saulnier Typ L - auch dank des Überraschungseffektes – schnell einige Abschüsse erzielen. Doch schon am 19. April 1915 musste er mit seiner Maschine hinter den deutschen Linien notlanden, und ihr kleines Geheimnis war schnell enthüllt. Eine eingehende Untersuchung durch Anthony Fokker führte auf deutscher Seite rasch zu einem funktionierenden Unterbrechergetriebe, einer fehlerfrei synchronisierten Bordbewaffnung – auch dank der verwendeten Spandau MGs – und zu den ersten echten Jagdflugzeugen.
Morane-Saulnier Typ L (1914)
| Typ | zweisitziges Aufklärungsflugzeug |
| Triebwerk: | ein luftgekühlter Siebenzylinder Le Rhône 9c Umlaufmotor mit 58,8 kW (80 PS) Leistung |
Leistung
| Höchstgeschwindigkeit: | 125 km/h |
| Flugdauer: | 4 Std. |
| Dienstgipfelhöhe: | 4.000 m |
Gewicht:
| Leermasse: | 385 kg |
| Max. Startmasse: | 650 kg |
Abmessungen:
| Länge: | 6,88 m |
| Höhe: | 3,93 m |
| Spannweite: | 11,20 m |
| Tragflügelfläche: | 18,3 qm |
| Besatzung | 2 Personen |