Friedrichshafen, 19
September
2007
Die Integrationsarbeiten an Europas Weltraumteleskop Herschel stehen kurz vor dem Abschluss. Die drei wissenschaftlichen Instrumente sind bei Astrium in Friedrichshafen in das Nutzlastmodul integriert worden. Vor wenigen Tagen wurden Nutzlast- und Servicemodule miteinander "verheiratet". Danach folgen umfangreiche umwelt-, Funktions- und Kompatibilitätstests. Im November 2007 soll der Satellit für die Abnahmetests zum Technikzentrum der ESA - ESTEC in Noordwijk/NL - geschickt werden. Der Start mit einer Ariane-5-Trägerrakete ist vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana für den 31.Juli 2008 geplant; zusammen mit dem Planck-Satelliten
Mit dem Weltraumteleskop Herschel wollen die ESA und die Wissenschaftler Milliarden von Lichtjahren hinaus ins Weltall schauen und damit in die Kinderstube der Sterne blicken. Herschel soll entstehende Sterne und Galaxien im Infraroten mit bis dahin unerreichter Auflösung beobachten. Der europäische Raumfahrtkonzern Astrium entwickelt, montiert und testet für die ESA das Herzstück des Satelliten das Nutzlastmodul mit der „Superkühlung“, Mit einem 3,5-Meter-Hauptspiegel aus Siliziumkarbid (SiC), der bei Astrium in Toulouse entstanden ist, wird Herschel das größte abbildende Weltraumteleskop sein, das jemals gebaut wurde.
Das Teleskop Herschel wird auch noch schwächste Wärmestrahlung von Sternen und Galaxien detektieren können. Damit die empfindlichen Instrumente nicht durch die Wärmestrahlung, die beim Betrieb des Satelliten entsteht, geblendet werden, müssen die Detektoren im Innern des Kryostaten, eines Kühlbehälters, bis auf minus 271 Grad Celsius (etwa zwei Grad über dem absoluten Nullpunkt) gekühlt werden. Die niedrige Temperatur erreicht man mit 2.300 Litern suprafluidem Helium. So erreicht der Cryostat eine Betriebsdauer im Weltraum von mindestens 3,5 Jahren.
Mit einer Höhe von 7,50 Metern und einem Durchmesser von 4,5 Metern erreicht Herschel imposante Ausmaße. Sein Startgewicht liegt bei 3,35 Tonnen. In der Brennebene werden drei empfindliche Instrumente arbeiten, die Kameras, Fotometer und Spektrometer für verschiedene Wellenlängenbereiche umfassen.
Im infraroten Spektralbereich eröffnet sich den Astronomen ein gänzlich anderes Universum als im sichtbaren Licht. Herschel wird insofern ein Universalgerät mit nahezu unerschöpflichen Einsatzgebieten sein. Ein zentraler Forschungsbereich wird aber das Studium von Geburt und Tod der Sterne sein.
Überall in der Milchstraße existieren riesige kalte Wolken von Gas und Staub. Unter bestimmten Bedingungen können sich einzelne Bereiche im Innern einer solchen Wolke unter der eigenen Schwerkraft zusammenziehen und zu neuen Sternen verdichten. Auf diese Weise ist auch unsere Sonne entstanden. Erst wenn die Sterne hell zu strahlen beginnen, fegen sie die Umgebung vom übrig gebliebenen Staub frei und werden weithin sichtbar.
Im Bereich des sichtbaren Lichts sind die Frühstadien der Sternentstehung nicht beobachtbar, weil sie sich noch tief im Innern der kalten Wolken abspielen. Infrarotstrahlung ermöglicht dies. Sie durchdringt die Staubwolken und öffnet so den Blick in die „Kinderstuben“ junger Sterne und ihrer Planetensysteme.
Ein zweites zentrales Forschungsgebiet betrifft die Entstehung und Entwicklung von Galaxien. Die Astronomen vermuten, dass in einigen jungen Galaxien, wie sie nur wenige Milliarden Jahre nach dem Urknall existiert haben, bis zu hundertmal mehr Sterne pro Jahr entstanden sind als heute. Die jungen heißen Sterne haben den sie umgebenden Staub stark aufgeheizt, so dass dieser intensive Wärmestrahlung im Infrarot abgibt.
Diese jungen Galaxien sind viele Milliarden Lichtjahre entfernt. Aufgrund Ausdehnung des Universums ist ihr Licht hin zu größeren Wellenlängen verschoben. Die Astronomen nennen dies spektrale Rotverschiebung. Dadurch kommt die vom Staub bei beispielsweise 100 Mikrometern abgegebene Infrarotstrahlung bei uns mit einer mehr als "verdoppelten" Wellenlänge an. In diesen Wellenlängen wird Herschel als erstes Weltraumteleskop überhaupt empfindlich sein. Vom Erdboden aus ist dieser Bereich wegen der absorbierenden Atmosphäre nicht zugänglich.
Astrium, eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der EADS, ist spezialisiert auf zivile und militärische Raumfahrtsysteme. Im Jahr 2006 erreichte Astrium einen Umsatz von 3,2 Milliarden € und beschäftigte rund 11.000 Mitarbeiter in Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Spanien und den Niederlanden. Das Kerngeschäft gliedert sich in drei Bereiche: die beiden Business Units Astrium Space Transportation für Trägerraketen und Weltraum-Infrastrukturen, Astrium Satellites für Satelliten und Bodensegmente sowie die 100-prozentige Tochter Astrium Services für die Entwicklung und Lieferung satellitenbasierter Dienstleistungen.
EADS ist ein global führender Anbieter in der Luft- und Raumfahrt, im Verteidigungsgeschäft und den dazugehörigen Dienstleistungen. Im Jahr 2006 lag der Umsatz bei rund 39,4 Milliarden €, die Zahl der Mitarbeiter bei mehr als 116.000.