Stand: 15  Dezember  2006 Weiterempfehlen DruckenDrucken
 

Astrium baut "Venus-Express"-Sonde

Amsterdam, 28  Januar  2003

  • Satellit rast in nur fünf Monaten zum heißen Planeten
  • Rückschlüsse auf Erdklima-Entwicklung erhofft
  • Deutsche Standorte maßgeblich am Bau beteiligt

Astrium fliegt zur Venus: In Paris unterschrieben Vertreter des europäischen Raumfahrtkonzerns Astrium und der Europäischen Weltraumorganisation ESA den Vertrag zur Entwicklung und Bau der Wissenschaftssonde "Venus Express". Das Vertragsvolumen umfasst 82,4 Millionen EUR. Die deutschen Astrium-Werke sind maßgeblich beteiligt. Die Forschungssonde soll im November 2005 vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur (Kasachstan) mit einer Sojus-Fregat-Rakete auf ihre nur fünfmonatige Reise geschickt werden.

Zwei Venus-Jahre lang (500 Erdtage) soll die Sonde die Atmosphäre des heißesten Planeten auf Struktur, Zusammensetzung und Dynamik untersuchen. "Venus Express" mit ihren sieben wissenschaftlichen Instrumenten umrundet den zweiten Planeten unseres Sonnensystems in einer Höhe zwischen 250 und 66.000 Kilometern und fliegt über seine Pole. Die Wissenschaftler erhoffen sich von den Ergebnissen auch Rückschlüsse auf die langfristige Klimaentwicklung der Erde.

Die extrem kostengünstige und schnelle Entwicklung von "Venus Express" wird durch die Wiederverwendung des Satellitendesigns von "Mars Express" sowie durch die Nutzung von Reservebauteilen von "Mars Express" und der Kometensonde Rosetta erreicht. Auch für diese beiden Vorhaben liegt die industrielle Führung bei der Astrium.

Astrium Frankreich ist der industrielle Hauptauftragnehmer während die britische Astrium für den Satellitenbus verantwortlich zeichnet. Der Astrium-Standort Ottobrunn ist verantwortlich für den Solargenerator während der Massenspeicher und die Hochspannungsversorgung für das Übertragungssystems der Sonde aus Friedrichshafen stammen. Der Schub für den Satelliten kommt aus Lampoldshausen. Dort werden die acht 10 Newton- und das 400 Netwon-Triebwerk gefertigt.

300 "ISDN-Leitungen" aus Friedrichshafen für Venus Express

Der Massenspeicher für die Venus Mission ist eine Weiterentwicklung des Speichers, der bereits für die Mars-Mission entwickelt wurde. Er verfügt über eine Kapazität von 1,5 GByte, die ausreichen würden 750.000 Schreibmaschinenseiten zu speichern. Die Daten werden über fünf Schnittstellen parallel geschrieben und gelesen. Die maximale Datenrate von 20 Mbit pro Sekunde entspricht vergleichsweise 300 ISDN-Kanälen. Um die Daten zu speichern oder zu lesen, arbeiten fünf Prozessoren in einer Box der Größe von etwa zwei Schuhkartons (28 x 26 x 20 cm) parallel.

Hierbei ist der Massenspeicher mehr als ein einfacher Speicher: Er beinhaltet in seinem Inneren ein komplettes Datenverarbeitungssystem, vergleichbar mit einer Festplatte mit integriertem Betriebssystem. Zusätzlich enthält er ein Anwendungsprogramm, das es erlaubt, Dateien oder sogar nur Teile einer Datei nach verschiedenen Kriterien zu lesen, schreiben, kopieren oder zu löschen. Das System stellt sicher, dass jeder Anwender die für ihn bestimmten Daten erhält und dass hierbei keine Wartezeiten entstehen.

Bis zum Ende der Mission wird der Speicher ohne Wartung seine Arbeit verrichten. Da neben den wissenschaftlichen Daten der verschiedenen Instrumente und den Statusdaten des Satelliten auch die sogenannte "Mission Time Line", d.h. das "Drehbuch" der Satelliten-Mission abgespeichert wird, muss der Speicher eine extrem hohe Zuverlässigkeit haben. Würde der Speicher ausfallen, gingen die festgelegten Manöver verloren und der Satellit wüsste nicht mehr, was als nächstes zu tun ist. Aus diesem Grunde ist jede Einheit des Systems zweimal vorhanden, und man kann bei Bedarf auf die Ersatzkomponente umschalten.

Sonnenenergie aus Bayern

Der Solargenerator der Sonde ist eine Weiterentwicklung des bereits von der Astrium GmbH erfolgreich gelieferten Mars Express Solargenerators zu sehen. Dieser wiederum ist nahezu identisch mit den ebenfalls erfolgreich für die 64 Satelliten des Telekommunikations-Netzwerkes Globalstar gelieferten Solargeneratoren.

Die Besonderheit bei diesem Flug ins innere Sonnensystem ist die hohe Sonneneinstrahlung im Venusorbit auf die Vorderseite des Solargenerators, bei gleichzeitiger heftiger Einstrahlung aus dem Venus Albedo (Rückstrahlung von der Wolkendecke) auf die Rückseite. Deswegen befinden sich auf der Vorderseite neben den Solarzellen zusätzlich die gleiche Anzahl sogenannter "Optical Surface Reflectors (OSR), eine Art kleiner Spiegel und auf der Rückseite eine Vollbelegung mit OSRs. Trotz dieser Maßnahmen wird der Solargenerator im Venusorbit immer noch circa 140 Grad Celsius warm. Er wird auch unter diesen außergewöhnlichen Bedingungen die spezifizierte elektrische Leistung erbringen (806 W im Erdorbit, 1425 W im Venusorbit).

Friedrichshafen, 28.Januar 2003

www.Astrium-Space.com