Es soll der Höhepunkt im Jahr der Astronomie werden: der Start von Herschel, dem größten bisher gebauten Weltraumteleskop. Astrium ist die treibende Kraft bei diesem Vorhaben.
Noordwijk/Friedrichshafen/Toulouse, 12
Februar
2009
Der europäische Raumfahrtkonzern Astrium ist größter industrieller Partner beim Herschel-Satellitenprojekt. Als Teil eines internationalen Industriekonsortiums unter der Führung von Thales Alenia Space ist der - Astrium-Standort Friedrichshafen für das Nutzlastmodul verantwortlich, das aus dem Kryostaten (eine Art „Superkühlung"), der optischen Einheit mit den Instrumenten, dem Solargenerator mit Sonnenschutzschild (Astrium-Tochtergesellschaft Dutch Space) und einem Verbindungselement zwischen Service- und Nutzlastmodul (Astrium Spanien) besteht. Außerdem ist Astrium zuständig für Satellitenintegration und Test. Der bei Astrium in Toulouse entstandene, sehr leichte, nur 350 Kilogramm wiegende Herschel-Spiegel aus Siliziumkarbid (SiC) mit seinen 3,50 Metern Durchmesser war eine der technischen Herausforderungen bei der Realisierung von Herschel. Herschel wird das größte abbildende Weltraumteleskop sein, das bisher gebaut wurde. Im Vergleich dazu: das im sichtbaren Wellenlängenbereich arbeitende Hubble-Teleskop ist mit einem nur 2,40-Meter-Spiegel ausgerüstet, der rund eine Tonne wiegt.
Der 3,3 Tonnen schweree Satellite ist gegenwärtig auf dem Weg zum europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch Guyana. Dort wird in den nächsten Tagen ein rund dreißig Mann starkes Ingenieurteam von Astrium mithelfen, das das Infrarotteleskop für seinen am 16. April geplanten Start mit einer Ariane 5 Trägerrakete vorzubereiten.
Mit dem Weltraumteleskop Herschel wollen die Wissenschaftler Milliarden von Lichtjahren hinaus ins Weltall schauen und damit in die Kinderstube der Sterne blicken. Herschel soll entstehende Sterne und Galaxien im Infraroten mit bis dahin unerreichter Auflösung beobachten. Herschels Einsatzort ist der so genannte Lagrange L2 Punkt, etwa 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt.
Herschel wird auch noch schwächste Wärmestrahlung von kosmischem Staub detektieren können, wenn er sich beginnt zu Sternen und Galaxien zu formen. Damit die empfindlichen Instrumente nicht durch die Wärmestrahlung, die beim Betrieb des Satelliten entsteht, geblendet werden, müssen sie im Innern des Kryostaten, eines Kühlbehälters, bis auf minus 271,5 Grad Celsius (weniger als zwei Grad über dem absoluten Nullpunkt) gekühlt werden. Die niedrige Temperatur erreicht man mit 2.300 Litern suprafluidem Helium, das für mehr als vier Jahre Betrieb im Weltraum ausreicht.
Im infraroten Spektralbereich eröffnet sich den Astronomen ein gänzlich anderes Universum als im sichtbaren Licht. Infrarotstrahlen haben den Vorteil, dass sie auch Staub- und Gaswolken durchdringen und den Forschern so tiefe Einblicke in die Entstehungsprozesse von Sternen und ihrer Planetensysteme bieten, die sich ja im Innern von riesigen Staubwolken vollziehen. Erst wenn ein junger Stern sich unter dem Einfluss der Schwerkraft so verdichtet, dass in seinem Innern Kernfusionsprozesse in Gang gesetzt werden, strahlt er auch sichtbares Licht aus. Vor der Initialisierung der Kernfusion ist der so genannte Protostern noch sehr kalt und gibt nur Wärmestrahlung von wenigen Grad Kelvin ab. Für genau diese Strahlung interessieren sich die Forscher, gibt sie doch Auskunft über das frühe Entwicklungsstadium.
Ein weiteres Forschungsziel ist die Untersuchung von Galaxien aus dem jungen Universum, die sich Milliarden Lichtjahre von uns entfernt befinden. Sie sind nur kurze Zeit nach dem Urknall entstanden und sollen bis zu hundertmal mehr Sterne produziert haben als das in heutigen Galaxien der Fall ist. Aufgrund der Ausdehnung des Universums wird das Licht der „Teenager“-Galaxien hin zu größeren Wellenlängen verschoben, von Astronomen spektrale Rotverschiebung genannt. Die Infrarotstrahlung der Milliarden Lichtjahre entfernten Objekte kommt deshalb mit mehr als der doppelten Wellenlänge bei uns an. Und in genau diesem Bereich werden die Herschel-Sensoren empfindlich sein.
Mit hochauflösender Spektroskopie soll Herschel auch die Beschaffenheit von Kometen und Planetenatmosphären sowie von Oberflächen entfernter Planeten untersuchen.
Das Weltraumteleskop wurde nach Friedrich Wilhelm Herschel (1738 – 1822), dem Entdecker des Planeten Uranus, der im Jahr 1800 auch die Infrarotstrahlung fand und seiner Schwester Caroline (1750 - 1848), die acht Kometen und drei Nebel entdeckte, benannt.
Astrium, eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der EADS, ist spezialisiert auf zivile und militärische Raumfahrtsysteme. Im Jahr 2007 erreichte Astrium einen Umsatz von 3,5 Milliarden € und beschäftigte rund 12.000 Mitarbeiter in Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Spanien und den Niederlanden. Das Kerngeschäft gliedert sich in drei Bereiche: Astrium Space Transportation für Trägerraketen und Weltraum-Infrastrukturen, Astrium Satellites für Satelliten und Bodensegmente sowie die 100-prozentige Tochter Astrium Services für die Entwicklung und Lieferung satellitenbasierter Dienstleistungen.
EADS ist ein global führender Anbieter in der Luft- und Raumfahrt, im Verteidigungsgeschäft und den dazugehörigen Dienstleistungen. Im Jahr 2007 lag der Umsatz bei rund 39,1 Milliarden €, die Zahl der Mitarbeiter bei mehr als 116.000.