Friedrichshafen, 14 März 2007
Den globalen Klimawandel zu begreifen und einzudämmen - das ist eine der größten Herausforderungen, vor denen die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten steht. Dazu gehört es auch, zu untersuchen, ob und in welchem Umfang sich die Eismassen an den Erdpolen verändern. Dieser Fragestellung wird mit CryoSat-2 ein neuer Forschungssatellit nachgehen, der gegenwärtig von Europas größtem Raumfahrtunternehmen Astrium für die europäische Weltraumorganisation ESA entwickelt und gebaut wird. In diesen Tagen sind die ersten Hardwarekomponenten im Satellitenzentrum der Astrium in Friedrichshafen eingetroffen, so dass mit der mechanischen Integration von CryoSat-2 begonnen werden kann. Im März 2009 soll CryoSat-2 seine Arbeit im Weltall aufnehmen.
Wissenschaftler vermuten zwar, dass die polaren Eismassen infolge der Erderwärmung stark zurückgehen, bisher gibt es aber wenige, punktuell erhobene Daten über die riesigen unbewohnten und schwer zugänglichen Polregionen. Der Radarsatellit CryoSat-2 wird dieses Informationsdefizit beheben und den Forschern einen globalen Überblick verschaffen.
Mindestens dreieinhalb Jahre lang soll CryoSat-2 das Eis flächendeckend an den Erdpolen mit bisher unerreichter Genauigkeit vermessen. Mit Hilfe zweier Radarantennen wird der Satellit in der Lage sein, die Dicke von Meer-Eis und die Veränderung der an den Randgebieten der Landeismassen genau zu erfassen. Außerdem werden die Daten des Radarsatelliten helfen, den Zusammenhang zwischen dem Abschmelzen des Polar-Eises und dem Anstieg des Meeresspiegels genauer zu bestimmen.
Den ersten CryoSat hatte Astrium bereits im Jahr 2005 fertig gestellt. Wegen eines technischen Fehlers der Trägerrakete stürzte der Satellit beim Startversuch im Oktober 2005 jedoch ins Nordpolarmeer. Nur wenige Monate später beschloss die ESA den Satelliten ein zweites Mal zu bauen. Design und Auslegung desCryoSat-2 basieren im wesentlichen auf denen von CryoSat-1. Dennoch werden nicht weniger als 85 Modifikationen auf CryoSat-2 implementiert.
Das Eis an den Polen spielt für das globale Klima eine zentrale Rolle. Obwohl Tausende Kilometer von den meisten bewohnten Gebieten entfernt, hat das Eis dennoch starke Auswirkungen auf das Klima in Europa, Asien und Amerika. Drei Aspekte sind hier von besonderer Bedeutung:
Erstens reflektiert das Eis an den Polen einen großen Teil des Sonnenlichts. Beginnt das polare Eis zu schmelzen, wird weniger Sonnenlicht reflektiert, so dass sich die Polgegend erwärmt. Dadurch schmilzt noch mehr Eis und das Reflexionsvermögen sinkt weiter. So könnte eine sich selbst beschleunigende Erwärmung entstehen.
Zweitens strahlt offenes Wasser in der Nacht eine große Wärmeleistung ab. Eine dicke Eisschicht wirkt dem entgegen. Sie bildet gewissermaßen eine Thermodecke und spielt somit eine entgegengesetzt wirkende Rolle im Wärmehaushalt der Erde.
Drittens kann schmelzendes Polareis, die Meeresströmungen massiv beeinflussen, mit unvorhersehbaren Folgen für das Klima. Die Strömungen wirken wie gigantische Wärmepumpen, die in den Ozeanen gespeicherte Wärmeenergie über den gesamten Globus verteilen. Bekanntestes Beispiel ist der Golfstrom, der warmes Wasser aus den tropischen Breiten quer über den Atlantik bis nach Nordeuropa transportiert.
CryoSat-2 wird die Erde in 720 Kilometern Höhe umkreisen - auf einer Bahn, die den Satelliten auf jeder Erdumrundung über die Pole führt. Ein spezielles Radarinstrument an Bord des Satelliten wird Daten über Dicke und Ausdehnung der polaren Eismassen und des Meer-Eises liefern. Mit diesem System wird eine mittlere Genauigkeit in der Höhe von ein bis drei Zentimetern erreicht. Es kann auch inhomogene Eisstrukturen im Polarmeer und an den Gletscher- und Treibeisrändern mit sehr steil abfallenden Flanken erfassen. CryoSat-2 wird über zwei Antennen verfügen. Ähnlich wie Menschen mit zwei Augen räumlich sehen können, wird CryoSats Doppel-Radar die Oberfläche sehr genau abtasten. Fachleute sprechen von Radar-Interferometrie.
Das Radaraltimeter von CryoSat-2 funktioniert tageslicht-unabhängig und kann auch Wolken durchdringen. Deshalb eignet es sich speziell für die Erkundung der polaren Eismassen, die teilweise bis zu 4000 Meter aus dem Meer emporragen und häufig von Wolken bedeckt sind. Die Daten der CryoSat-Mission sollen Informationen über die Abschmelzrate dieser riesigen Eismassen liefern.
Astrium ist Hauptauftragnehmer für CryoSat-2 und somit für ein aus rund 25 Unternehmen bestehendes Konsortium verantwortlich. Astrium in Friedrichshafen baut die Satelliten-Plattform und integriert alle Instrumente. Letztlich ist Astrium für die Zuverlässigkeit des gesamten Satelliten gegenüber der ESA verantwortlich. Das industrielle Auftragsvolumen liegt bei rund 75 Millionen Euro.
EADS Astrium eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der EADS, ist spezialisiert auf zivile und militärische Raumfahrtsysteme. Im Jahr 2006 erreichte EADS Astrium einen Umsatz von 3,2 Milliarden € und beschäftigte rund 11.000 Mitarbeiter in Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Spanien und den Niederlanden. Das Kerngeschäft gliedert sich in drei Bereiche: die beiden Business Units Astrium Space Transportation für Trägerraketen und Weltraum-Infrastrukturen, Astrium Satellites für Satelliten und Bodensegmente sowie die 100-prozentige Tochter Astrium Services für die Entwicklung und Lieferung satellitenbasierter Dienstleistungen.
EADS ist ein global führender Anbieter in der Luft- und Raumfahrt, im Verteidigungsgeschäft und den dazugehörigen Dienstleistungen. Im Jahr 2006 lag der Umsatz bei rund 39,4 Milliarden €, die Zahl der Mitarbeiter bei mehr als 116.000.