Das europäische Satellitennavigationssystem Galileo *
Berlin, ILA 2006, 16 Mai 2006
Exakte Positionsbestimmung zu jeder Zeit, an jedem Ort, sichere und genaue Navigation, effiziente Routenplanung – dafür wird in Zukunft vor allem ein Name stehen: Galileo. Im Jahr 2011 soll das neue europäische Satellitennavigationssystem einsatzbereit sein. Ein erster Testsatellit für Galileo befindet sich schon seit Dezember 2005 im All, ein weiterer soll noch in diesem Jahr gestartet werden. Im Gegensatz zum heute verfügbaren amerikanischen System GPS, ist Galileo ein ziviles System, das auf die Bedürfnisse ziviler Nutzer zugeschnitten ist. Galileo wird das Tor aufstoßen zu neuen Anwendungen und Märkten für die Satellitennavigation. Große Marktpotenziale liegen dabei vor allem in der Kombination von Navigation, mobiler Telekommunikation und Informationsdiensten. Galileo ist Gemeinschaftsprojekt der Europäischen Union EU und der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Mit ihren Tochtergesellschaften EADS Astrium und EADS SPACE Services ist EADS SPACE ein zentraler Partner für das europäische Satellitennavigationsprojekt.
Die Galileo-Konstellation wird aus 30 Satelliten bestehen, welche die Erde in einer Höhe von rund 23.600 km umrunden. Der Empfänger bestimmt seine Position auf dem Globus, indem er die Entfernung zu mindestens vier Navigationssatelliten ermittelt. Diese Entfernung wird mithilfe eines hochgenauen Zeitsignals gemessen. Die Satelliten senden dieses Zeitsignal, der Empfänger misst die Zeit, die bis zum Empfang des Signals verstreicht. Überwacht und gesteuert werden die Satelliten von zwei Kontrollzentren in München und Rom. Ein globales Netzwerk von Bodenstationen sorgt für den Datentransfer zu und von den Satelliten. Sensor-Stationen rund um den Erdball überwachen und korrigieren ständig die Qualität des Signals. Über so genannte Uplink-Stationen wird dann ein Korrektursignal an die Satelliten gesendet.
Galileo wird vier verschiedene Dienste anbieten:
Der Open Service (OS) zielt auf die Massenanwendungen, etwa auf Navigationssysteme in Pkw. Die Signale des OS können kostenlos empfangen werden, von jedem, der über ein geeignetes Endgerät verfügt. Die offenen Signale von Galileo und GPS sollen sich zum so genannten Globalen Navigationssatellitensystem (GNSS) ergänzen. Zukünftige Endgeräte werden in der Lage sein, die Signale beider Satellitensysteme zu verarbeiten, und ermöglichen so eine exakte Positionsbestimmung auch unter schwierigen Bedingungen. Diese so genannte Interoperabilität ist in einem Abkommen geregelt, welches EU und USA im Frühjahr 2004 geschlossen haben.
Der Safety-of-Life Service (SoL) soll vor allem für sicherheitskritische Transportanwendungen zur Verfügung gestellt werden, beispielsweise für die Steuerung des Flug- oder Bahnverkehrs. Der zertifizierte SoL-Service wird nur mit speziellen ebenfalls zertifizierten Endgeräten nutzbar sein. Der Galileo-Betreiber wird die ständige Verfügbarkeit und hohe Präzision des SoL-Signals garantieren.
Der Commercial Service (CS) zielt auf Anwender, die eine höhere Präzision benötigen als sie der Open Service erbringt. Mithilfe zweier zusätzlicher codierter Korrektursignale, die gegen Entgelt zur Verfügung gestellt werden, soll eine extrem genaue Positionsbestimmung ermöglicht werden.
Der Public Regulated Service (PRS) für hoheitliche Anwendungen zeichnet sich durch ein extrem robustes und störsicheres Signal aus.
Zusätzlich zu diesen vier Diensten wird es auch einen Search and Rescue Service (SAR) geben. Dieser Service wird Signale in Not geratener Nutzer empfangen und weiterleiten.
Galileo - eine Investition, die sich bezahlt machen wird
Die Kosten für den Aufbau von Galileo werden mit rund 3,5 Milliarden Euro veranschlagt. Der Betrieb des Systems soll inklusive Ersatzsatelliten pro Jahr rund 220 Millionen Euro kosten. Diesen Kosten steht ein hoher volkswirtschaftlicher Nutzen gegenüber – vor allem in Form von Kosteneinsparungen im Straßen- und Flugverkehr sowie bei der Schifffahrt. Bereits im Jahr 2001 wurden weltweit rund 15 Milliarden Euro mit Produkten und Diensten im Bereich Satellitennavigation umgesetzt - davon rund ein Drittel in Europa. Schätzungen zufolge soll der Markt bis zum Jahr 2015 auf rund 140 Milliarden Euro wachsen. Auch erhebliche Wachstumseffekte für den Arbeitsmarkt sind zu erwarten. Die Satellitennavigation ist in den letzten Jahren immer mehr Bestandteil unseres Alltags geworden. Verkehr, Telekommunikation und viele andere Bereiche profitieren schon jetzt zunehmend von den Möglichkeiten der Satellitennavigation, die sich mit dem auf zivile Anwendungen ausgerichteten Navigationssystem Galileo noch vervielfachen werden:
Individuelle Navigation: Galileo öffnet die Tür für standortbezogene Dienstleistungen (location based services). Neue Möglichkeiten eröffnen sich dabei insbesondere durch die Kombination von Satellitennavigation und Mobilfunk in tragbaren Geräten wie Handys oder PDAs. Solche Dienste versorgen die Anwender dann in Abhängigkeit von ihrer Position mit Informationen. Beispielsweise könnten Touristen sich über Sehenswürdigkeiten, Restaurants oder Hotels informieren. Auch im Notfall kann diese Technik hilfreich sein, denn sie ermöglicht in Notsituationen geratenen Anrufern, ihre exakte Position zu übermitteln.
Transport und Logistik: Galileo wird so ausgelegt sein, dass das System die Bedürfnisse aller Verkehrsformen in optimaler Weise bedient - auf der Straße und Schiene gleichermaßen wie im Schiffs- und Luftverkehr. Die Anwendungen umfassen die Navigation im Automobil, elektronische Fahrhilfen und Staumeldungen ebenso wie Kollisionswarnungen und Management von Notfallsituationen zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Galileo wird eine Effizienzsteigerung im Verkehr bewirken und einen direkten Beitrag zur Verringerung von Staus, Verkürzung von Reisezeiten und damit letztlich auch zum Umweltschutz leisten.
Finanzen, Banken und Versicherungen: Das globale Zeitsystem von Galileo, das auf hochpräzisen Atomuhren basiert, wird die Zusammenschaltung und Synchronisation von Netzwerken für Telekommunikation und Stromversorgung und Banksystemen erleichtern. Dank der Kombination aus Positions- und Zeitinformationen können außerdem die Sicherheitsstandards für Verschlüsselungen und elektronische Signaturen erhöht werden. Versicherungen können zudem die Positionen wertvoller Güter verfolgen.
Landwirtschaft und Fischerei: Zusätzlich zur Positionsbestimmung und Navigation, kann Galileo helfen, Fischbestände zu überwachen. Behörden können kontrollieren, ob Fangschiffe in den zugewiesenen Gebieten operieren. Galileo kann außerdem bei der Ernteüberwachung und beim "präzisen Ackerbau" (teilflächenspezifische Bewirtschaftung, precision farming) helfen. Galileo ermöglicht so effektives Ressourcenmanagment und nachhaltige Bewirtschaftung der landwirtschaftlichen Nutzflächen.
Öffentliche Sicherheit: Denkbar sind in diesem Bereich die verschiedensten Anwendungen, beispielsweise elektronische Fußfesseln für verurteilte Straftäter, Systeme zur Bekämpfung von Autodiebstählen oder die Überwachung von Küstenlinien zur Vermeidung illegaler Grenzübertritte. Satellitennavigation kann auch helfen, den Weg von Waren und Gefahrgütern an ihren Bestimmungsort zu verfolgen. Außerdem wird Galileo die Effizienz von Kriseneinsätzen steigern und helfen, die Sicherheit bei Großereignissen wie Olympischen Spielen oder Politiker-Gipfeln zu gewährleisten.
EADS Astrium - Motor von Galileo Industries
Mit der Gründung eines des Joint Ventures Galileo Industries hat sich die europäische Raumfahrtindustrie formiert, um die Herausforderung Galileo zu meistern. Einer der größten Anteilseigner ist mit 38 Prozent EADS Astrium. Weitere Anteilseigner sind Alcatel Alenia Space (Frankreich/Italien 38 Prozent), Galileo Sistemas und Servicios (Spanien, 12 Prozent) sowie Thales (Frankreich, 12 Prozent). Der Sitz von Galileo Industries befindet sich in München. Im Januar dieses Jahres haben die ESA und Galileo Industries den Vertrag über die so genannte In-Orbit-Validation-Phase unterzeichnet. Dieser Vertrag hat ein Gesamtvolumen von rund einer Milliarde Euro und umfasst die Entwicklung und den Bau der ersten vier Navigationssatelliten und eines Teils der Bodeninfrastruktur für Galileo sowie die Erprobung dieses Teilsystems unter realen Einsatzbedingungen, bevor dann bis zum Ende dieses Jahrzehnts der Aufbau der vollen Konstellation mit insgesamt 30 Satelliten erfolgt. Rund ein Fünftel der Wertschöpfung im Rahmen der Erprobungsphase findet im Raumfahrtbereich der EADS statt. EADS Astrium in Ottobrunn bei München übernimmt dabei die Systemführung für das so genannte Raumsegment, und trägt damit die Gesamtverantwortung für den Bau der ersten vier Navigationssatelliten. In Ottobrunn werden auch wichtige Komponenten für die Satelliten gefertigt, beispielsweise das Lageregelungssystem. Gemeinsam mit Dutch Space liefern die Ottobrunner Ingenieure auch die Solargeneratoren für die vier Satelliten. Die Antriebe für die Satelliten kommen von der EADS SPACE Transportation in Lampoldshausen. Bei EADS Astrium in Großbritannien liegt die Verantwortung für die Nutzlast an Bord der vier Satelliten sowie für das Bodenkontrollsegment, mit dem die Satelliten gesteuert werden. EADS Astrium in Portsmouth ist für das weltumspannende Netzwerk zur Kontrolle der Satelliten in der Umlaufbahn zuständig. Außerdem wird in Portsmouth die Nutzlast gebaut, welche die Navigationssignale an die Nutzer sendet. Die EADS SPACE in Frankreich und Spanien wird im Rahmen der Erprobungsphase ebenfalls beteiligt sein. EADS SPACE in Frankreich ist am Bodenmissionssegment beteiligt, Spanische EADS-Firmen liefern die Navigationsantennen und sind am System-Engineering für das Raumsegment beteiligt. Galileo Industries hat außerdem den zweiten Galileo-Testsatelliten Giove B gebaut, der in diesem Herbst mit einer Sojus-Rakete vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan aus gestartet werden soll. Givove B dient dazu, wichtige neue Technologien für Galileo im All zu erproben. An Bord von Giove B kommen erstmals so genannte Wasserstoff-Maser-Uhren zum Einsatz. Diese Atomuhren werden die genauesten sein, die jemals im All eingesetzt wurden, und sind der Schlüssel zur höheren Genauigkeit, die das europäische Navigationssystem im Vergleich zum amerikanischen GPS bieten wird.
EADS SPACE Services - starker Partner beim Aufbau und Betrieb von Galileo
Mit der EADS SPACE Services ist ein weiteres Unternehmen des EADS-Konzerns maßgeblich am Galileo-Projekt beteiligt. Das auf Raumfahrt-Dienstleistungen spezialisierte Unternehmen ist Mitglied eines Internationalen Konsortiums, das gegenwärtig in Verhandlungen steht, um Konzessionär für Galileo zu werden. Der Konzessionär hat die Aufgabe, den Aufbau des vollständigen Navigationssystems (30 Satelliten) im Anschluss an die Erprobungsphase im Rahmen einer Public Private Partnership zu organisieren und Galileo dann über einen Zeitraum von 20 Jahren zu betreiben. Im Dezember 2005 haben sich die beteiligten Staaten und Unternehmen auf die Verteilung der Schlüsselaufgaben und Standorte im Rahmen des Galileo-Betriebs geeinigt und so den Weg für den Abschluss eines Konzessions-Vertrags in naher Zukunft frei gemacht. Das Hauptquartier des Konzessionärs - wird Toulouse sein. Die Betriebsgesellschaft soll ihren Sitz in London haben. In Deutschland (Oberpfaffenhofen) und in Italien werden zwei Galileo-Kontrollzentren sowie zwei Galileo-Leistungszentren entstehen. Ein Reservekontrollzentrum wird in Spanien angesiedelt sein.
EADS ASTRIUM
EADS Astrium ist der führende Satellitenspezialist in Europa. Die Aktivitäten reichen von kompletten Systemen für zivile und militärische Telekommunikations- und Erdbeobachtungssatelliten über wissenschaftliche Raumfahrtprogramme bis hin zur Satellitennavigation sowie die dazugehörige Avionik und Ausrüstung. EADS Astrium ist eine Tochtergesellschaft der EADS SPACE.
EADS SPACE Services
EADS SPACE Services entwickelt und vermarktet innovative satellitenbasierte Dienstleistungen in den Bereichen Telekommunikation und Navigation. EADS SPACE Services ist eine Tochtergesellschaft der EADS SPACE.
EADS SPACE
EADS SPACE, eine Tochtergesellschaft der EADS, ist einer der weltweit führenden Anbieter von zivilen und verteidigungstechnischen Raumfahrtsystemen. Im Jahr 2005 erreichte EADS SPACE einen Umsatz von 2,7 Milliarden EURO und beschäftigte rund 11.000 Mitarbeiter in Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Spanien.
Der EADS-Konzern ist ein global führender Anbieter in der Luft- und Raumfahrt, im Verteidigungsgeschäft und den dazugehörigen Dienstleistungen. Im Jahr 2005 lag der Umsatz bei rund 34,2 Milliarden EURO, die Zahl der Mitarbeiter bei mehr als 113.000.
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